"Diakonie ist Kirche im Alltag" – Vorstandsvorsitzende Sabine Jung im Interview
Die Diakonie Baden steht vor großen Herausforderungen und Chancen. Seit September verantwortet Oberkirchenrätin Sabine Jung als Vorstandsvorsitzende die strategische Ausrichtung und die Verbindung von Kirche und Diakonie. Im Interview spricht sie über die Bedeutung diakonischer Arbeit als Ausdruck gelebten Glaubens, die Herausforderungen durch Fachkräftemangel und Säkularisierung sowie über Chancen von Digitalisierung und Kooperation. Sie erläutert, wie religiöses Profil sichtbar bleibt und warum Partizipation durch Mitarbeitendenvertretungen ein zentrales Anliegen ist.
Seit September Vorstandsvorsitzende der Diakonie Baden: Oberkirchenrätin Sabine Jung
Frau Jung, Sie betonen immer wieder, dass Diakonie „Kirche selbst“ ist. Wie kann diese Haltung konkret in den Einrichtungen und Gemeinden sichtbar werden?
Diakonie ist nicht nur ein Arbeitsfeld, sondern Ausdruck von Kirche im Alltag. Ernst Lange hat das bereits in den 70er Jahren bei der Eröffnung seiner Ladenkirche prägnant formuliert: Diakonie ist Gottesdienst im Alltag.
Dietrich Bonhoeffer spricht vom Beten und Tun des Gerechten. Diese Haltung prägt unsere diakonischen Einrichtungen: In Krankenhäusern, Altenheimen und in der Behindertenhilfe feiern wir Gottesdienste und Andachten. Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen werden seelsorglich begleitet. In unseren Kitas erleben Kinder und Eltern christliche Traditionen und sprechen über Sinnfragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? So wird erfahrbar, dass Diakonie gelebter Glaube ist – mitten im Leben.
Diakonie ist in ihrer Wirksamkeit gesellschaftlich anerkannt. Wie gelingt es, ein sichtbares religiöses Profil zu zeigen, das in der heutigen Zeit verstanden wird?
Das Evangelium ist unser Markenkern. Diakonie ist zunächst eine Haltung – geprägt von Respekt, Achtsamkeit und Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Nationalitäten und Konfessionen. Ein einheitliches religiöses Profil gibt es nicht. Es muss in jeder Einrichtung erarbeitet werden, heute meist im interreligiösen und interkulturellen Dialog. Viele Mitarbeitende entscheiden sich für einen diakonischen Arbeitgeber, weil die Arbeit sinnstiftend ist. Dies nach innen und außen deutlich zu machen, ist unser Anspruch. Glaubwürdigkeit ist dabei entscheidend – und darin unterscheiden wir uns von anderen Anbietern sozialer Arbeit.
„Viele Menschen entscheiden sich bewusst für diakonische Arbeit, weil sie sinnstiftend ist.”
Sie sind seit September Vorstandsvorsitzende der Diakonie Baden und Oberkirchenrätin. Was hat Sie gereizt, diese anspruchsvolle Doppelfunktion zu übernehmen?
Mich reizt die Möglichkeit, Kirche und Diakonie noch enger miteinander zu verbinden. Beide Bereiche stehen vor großen Herausforderungen, aber auch Chancen. In der Doppelfunktion kann ich Synergien nutzen und Brücken bauen – zwischen theologischer Reflexion und praktischer Umsetzung. Das ist für mich eine spannende und sinnvolle Aufgabe.
Eines Ihrer zentralen Anliegen ist die MAV-Arbeit. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig – und wie kann es weiter gefördert werden?
Mitarbeitendenvertretungen sind ein wichtiges Element gelebter Partizipation. Sie geben den Beschäftigten eine Stimme und tragen zur Glaubwürdigkeit unserer Organisation bei. Ich möchte, dass MAV-Arbeit gestärkt wird – durch gute Schulungen, klare Kommunikationswege und eine Kultur, in der Mitbestimmung selbstverständlich ist.
Sie sprechen von der Notwendigkeit, kirchliche und diakonische Räume zu öffnen. Wo ist dies bereits gelungen, und wo sehen Sie Potenzial?
Wir haben bereits viele Beispiele: Offene Begegnungsräume in Quartieren, Kooperationen mit Schulen und Vereinen, interkulturelle Projekte. Potenzial sehe ich vor allem in der digitalen Welt und in der stärkeren Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Initiativen. Kirche und Diakonie müssen dort präsent sein, wo Menschen heute leben und kommunizieren.
Welche Herausforderungen und Chancen stehen im Mittelpunkt Ihrer strategischen Überlegungen für die Diakonie Baden?
Die größten Herausforderungen sind Fachkräftemangel, Finanzierung und die zunehmende Säkularisierung. Chancen sehe ich in der Profilbildung: Wir müssen deutlich machen, wofür wir stehen – für eine Arbeit, die Sinn stiftet und Menschen in ihrer Würde achtet. Digitalisierung und Kooperationen sind weitere Schlüsselthemen.
Sie verantworten die Spendenaktion „Brot für die Welt“. Welche Rolle spielt Fundraising für Sie persönlich – und wie trägt es zur Stärkung des diakonischen Auftrags bei?
Fundraising ist für mich mehr als Geldbeschaffung. Es ist Ausdruck von Solidarität und Teil unseres diakonischen Selbstverständnisses. Brot für die Welt verbindet Menschen über Grenzen hinweg und macht deutlich: Wir tragen gemeinsam Verantwortung für eine gerechte Welt. Projekte zu unterstützen und um Spenden zu werben, ist mir ein Herzensanliegen.
Welche Botschaft möchten Sie den Mitarbeitenden der Diakonie Baden mit auf den Weg geben?
Sie leisten jeden Tag Großartiges. Bleiben Sie mutig, offen und zuversichtlich. Gemeinsam können wir Kirche und Diakonie als Orte der Hoffnung und Menschlichkeit gestalten.
Vielen Dank, Frau Jung, und viel Erfolg für die anstehende Arbeit!
Das Gespräch führte Rebecca Müller-Hocke
Starke sozialpolitische Stimme
Die Diakonie Baden ist einer von 17 Landesverbänden der Diakonie Deutschland. Sie ist als Dachverband sozialpolitisches Sprachrohr für rund 800 Mitgliedseinrichtungen in Baden, mit mehr als 38.000 hauptamtlich und über 14.000 ehrenamtlich Beschäftigten.
Fast 2.000 Einrichtungen begleiten und unterstützen Kinder und Familien in Notlagen, Personen mit Behinderung, Pflegebedürftige, Menschen in prekären Lebenssituationen durch Arbeitslosigkeit, Überschuldung oder Sucht sowie Wohnungs- und Obdachlose. Außerdem bieten Beratungsstellen Hilfe für Migrant:innen und Geflüchtete sowie für Mädchen und Frauen in Not. Die Diakonie Baden ist darüber hinaus Landesstelle der internationalen Hilfswerke der Diakonie: Brot für die Welt, Diakonie Katastrophenhilfe sowie Hoffnung für Osteuropa.
